Martin W. Brock, München-Krimis der Extraklasse
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Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 27./28. Mai 2006
Von Susi Wimmer

»Ich habe ein blödes Gefühl: Du bist ein Bulle!«

Was ein verdeckter Ermittler im Milieu alles erlebte – und warum er jetzt, alias Martin W. Brock, lieber München-Krimis schreibt.
 
Kaum einer weiß, wer der Typ da im Cafe eigentlich ist. Woher er kommt, was er genau macht. Er trinkt Latte Macchaitto, trägt einen dunklen Anzug und seine grünen Augen fixieren das Gegenüber während des Gesprächs ganz genau. Er nennt sich Martin W. Brock. Aber so heißt er nicht wirklich. Denn er wechselt seine Identität, wie andere Leute ihre Unterwäsche. Als verdeckter Ermittler bei der Münchner Polizei gab er schon mal die Unterweltgröße vor den Autoschiebern oder den Macho bei den Drogenbossen. Heute nun ist er Martin W. Brock. Der Krimi-Autor. Der Münchner ist ausgestiegen aus dem Polizeileben und schreibt unter Pseudonym Krimis der etwas anderen Art. Nämlich solche, die tatsächlich etwas mit dem Polizeialltag zu tun haben. Und genau darin liegt die Faszination.
Nun gut. Nennen wir ihn also weiter Martin W. Brock.
Er durchlief in München »die normale Polizeilaufbahn«, diverse Ermittlungsstellen wie organisierte Kriminalität, Rauschgift, Kfz-Diebstahl oder Prostitution. Dass er bei den verdeckten Ermittlern landete, »hat sich so ergeben«. Weg vom Büroalltag, rein in den ganz normalen Wahnsinn, »das wollen wenige machen«, sagt er. Denn verdeckter Ermittler zu sein, das heißt: Arbeiten zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten, ein Leben mit der ständigen Gefahr, aufzufliegen – und permanente Schauspielerei. »Du musst dich der Zielperson ganz genau anpassen, den Tagesrhythmus übernehmen. So sprechen wie sie, so denken wie sie.«
Und dem Partner zu Hause müsse klar sein: Die Arbeit geht vor.
Martin W. Brock weiß das nur zu gut: Seine erste Ehe ist an diesem Job zerbrochen. Im »Milieu« erzählt er, »dominieren die Machos«. Wenn die spät abends oder am Wochenende anrufen, dann könne er schlichtweg nicht sagen: »Tut mir leid, ich kann nicht. Ich bin mit meiner Frau verabredet.«
 
Tage der Gefahr
 
Bei »wirklich großen Geschichten«, sagt Brock, »läuft ohne verdeckte Ermittlungen gar nichts«. Wirklich große Geschichten- das sind beispielsweise Rauschgiftdeals im großen Stil: Wenn du da auffliegst, dann hast du wirklich ein Problem.« So wie einmal, als zwei Kilo Kokain den Besitzer wechseln sollten. Brock hatte sich eine Vita zusammengebastelt: »Möglichst nah an der eigenen Person, damit man sich die Geschichte besser merken kann.«
Am besten noch mit einer Vorstrafe. »Aber nicht so eine, bei der du gesessen hast. Sonst fragen sie dich nach dem Knast oder Leuten, die zur gleichen Zeit dort waren.«
In monatelanger Vorarbeit hatte er Vertrauen zu den Dealern aufgebaut und wurde akzeptiert. Der Tag der Übergabe war gekommen. Das Geld im Auto, die Ware im Garten vergraben. Und genau da sagte der Täter zu ihm: »Ich hab ein blödes Gefühl. Du bist ein Bulle!« Brock blieb cool und in seiner Rolle: »Den hab ich was zusammengeschissen«, sagt er. Offenbar glaubwürdig. Der Deal ging wie ausgemacht über die Bühne, als die Kollegen kamen und die Handschellen klickten. »Manchmal«, sagt er heute, »haben die wirklich eine Nase dafür, wer ein Bulle ist.« Die Gefahr, in der er in diesem Moment schwebte, verdrängt er schlichtweg.
»Aber manchmal, wenn ich durch die Straßen gehe, kommt schon dieser Gedanke: »Hoffentlich begegne ich nicht gerade einem, den ich bei einem Deal hinter Gitter gebracht habe.«
Der »Kick« an dem Ganzen hat Martin W. Brock fünf Jahre lang bei der Stange gehalten. Nervenkitzel, Anspannung, Schauspielerei. »Wenn die dich abklopfen und du führst so ein Zwei-Stunden-Gespräch, voll konzentriert auf eine andere Identität, dann bist du danach völlig ausgepowert. Du darfst nicht pünktlich sein, deine Frau heißt »Alte«, du musst über die Geschäfte gut Bescheid wissen und dein Gegenüber so schnell wie möglich verstehen. Will er den Kumpeltyp, erzählst du was Privates.« Nach fünf Jahren sollte Brock der Laufbahn folgend wieder an den Schreibtisch zurückkehren. Bei dieser Aussicht hängte er seine nicht vorhandene Polizeiuniform an den Nagel.
»Als Polizist schaust du dir einen Krimi an und denkst: Das würde real nie so ablaufen«, erzählt Brock weiter. Die Geschichten aus seinem Job, die er gelegentlich im Freundeskreis in natürlich etwas abgefälschter Form erzählt hat, fanden immer interessierte Zuhörer. Dann fiel oft der Satz: » Das müsstest du aufschreiben.« Und da Brock in der Schule schon gerne schrieb und zudem allmählich ein Faible dafür entwickelt hatte, sich die Leute ganz genau anzuschauen, setzte er sich schließlich an den Computer und fing an zu tippen. Bis dato gab und gibt es in ganz Deutschland keinen einzigen verdeckten Ermittler, der seine Geschichten zu Papier gebracht hat. »Viele Krimiautoren phantasieren, andere versuchen, an der Realität zu schreiben«, sagt er. »Aber oft ist einfach ihr Problem, dass sie keine Kriminellen wirklich kennen gelernt haben.« Sie bastelten sich lediglich ein »opportunes Bild«.
 
Brocks Alter Ego
 
Beispiel: Prostitution.
Da ging lange die Mär um von der geknechteten Frau aus einem bayerischen Dorf, die eigentlich Lehrerin werden wollte und dann zur Prostitution gezwungen werde. In der Realität, weiß Brock, suchen sich solche Frauen meist selbst einen Zuhälter: »Weil nur der allein akzeptiert, dass sie auf den Strich geht.« Wenn der Zuhälter Nebenfrauen hat, dann sei das in Ordnung. Aber die Rangfolge müsse klar sein. »Das sind soziale Gruppen mit festen Regeln, das gibt ihnen auch Sicherheit.« Dass diese Frauen schon auf irgendeine Weise vorher geschädigt seien, weiß Brock. Ebenso, dass sich die Szene stark ändert und heute auch Frauen aus Osteuropa zur Prostitution gezwungen werden. Realistischen Stoff für Geschichten hatte er also zuhauf. In seinem ersten Krimi »Freitagsflug«, der im Sommer 2004 herauskam, geht es um einen Polizeibeamten in München, der Opfer von Behördenkorruption wird. In »Nachtnebel«, seinem neuen Krimi, steht Kommissar Ricardo Bauer, Brocks Alter Ego, einer skrupellosen Drogenbande gegenüber: In Lohhof, vor den Toren von München, wird eine verkohlte Leiche in einem Wagen gefunden. Die Mordermittler Ricardo Bauer und Paul Wörner werden auf den Fall angesetzt. Natürlich ist ihr Büro in der Bayerstraße am Hauptbahnhof, dort, wo die Mordkommission bis vor kurzem tatsächlich saß. Und wie im richtigen Leben auch, fechten die Ermittler mit den Staatsanwälten so manchen Kampf aus-ebenso wie im Privaten. Bauer ist mit seinem Job verheiratet, seine Frau hat ihn längst verlassen und den gemeinsamen Sohn mitgenommen. Über das Zahnschema können sie die Identität des Toten klären, die Spur führt nach Kufstein. Und wieder zurück nach München zu einem dubiosen Autohändler. Als Wörners Sohn von einem Lkw angefahren wird, sieht alles nach einem Unfall aus. Doch nach und nach beschleicht Bauer immer mehr das Gefühl, dass der Unfall kein Zufall war. Je mehr sie sich in den Fall verstricken, den Hintermännern der Drogenbande auf die Spur kommen, desto gefährlicher wird die Angelegenheit. Via Telefonüberwachung erfahren sie, dass die Ganoven »eine Kündigung in München« planen.
Sprich: Auf einen Kriminaler wird ein Killer angesetzt. Wörner wird die Sache zu heiß, er will sich und seine Familie in Sicherheit bringen. Bauer bleibt und mit ihm ein verdeckter Ermittler, der ins Milieu eingeschleust wird.
Wer »Nachtnebel« liest, läuft selbst schnell Gefahr, eine schlaflose Nacht zu verbringen.
Denn einmal in den Fängen von Martin W. Brock, lässt einen der Roman nicht mehr los. Mit klarer Sprache, Liebe zu den Figuren und Details zieht er den Leser in die Welt der Ermittler und Verbrecher. »Man darf nicht zuviel und auch nicht zu wenig schreiben. Der Leser muss selbst seine eigenen Schlüsse ziehen«, sagt der Autor. Er will, dass allen Spuren nachgegangen wird und es keinen offenen Schluss gibt. Und: Für München-Kenner ist die Lektüre besonders reizvoll, zumal sie die Hauptschauplätze aus dem richtigen Leben kennen.
Brock rührt in seiner »Latte« und erzählt eher nebenbei, dass zur Frankfurter Buchmesse im Oktober sein dritter Krimi herauskommen wird. »Innere Spannung und Unruhe«, die er zum Schreiben braucht, habe er zuhauf. Ebenso wie Figuren, an denen er sich reiben kann. »Wenn es danach geht, habe ich noch Geschichten für weitere 25 Bücher im Kopf«, sagt er grinsend. Sein Erstlingswerk erscheint jetzt übrigens auch jenseits der Landesgrenzen, fällt ihm am Ende noch ein: Ein brasilianischer Verlag habe Gefallen an »Freitagsflug« gefunden. Der Krimi werde dann in Rio de Janeiro aufliegen. Sicher hat Brock auch schon dort als Ermittler recherchiert. Unter ganz anderem Namen, versteht sich.
 
 
 
 

 
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